Hier ein kurzer Abriss der Geschichte der Capoeira. Da über die Capoeira aber nicht viele schriftliche Quellen existieren, unterscheiden sich die Erklärungen in der Literatur teilweise sehr stark. Es ist also durchaus möglich, dass ihr in den weiten des Internet noch andere Erklärungen findet.
Die Portugiesen begannen bereits im 16. Jahrhundert – kurz nach der Entdeckung Brasiliens im Jahre 1500 – von Angola, der portugiesischen Kolonie, erste Afrikaner in den Nordosten Brasiliens zu verschleppen. Viele weitere sollten folgen, um die harte Arbeit auf den Zuckerrohr-plantagen zu verrichten.
Bereits bei der Verschiffung wurde darauf geachtet, dass möglichst unterschiedliche Stammesangehörige auf den Schiffen zusammen-gepfercht waren, um so die Kommunikation zwecks einer Meuterei zu erschweren. Dennoch konnte das afrikanische Erbe auf dem neuen südamerikanischen Kontinent weiter getragen werden.
Dies gilt besonders für die bis heute dort bekannten Religionen Candomblé und Macumba, die die Götter aus dem Land der Ahnen in das neue Land holten.
Die Capoeira mag ursprünglich zur Verteidigung dieser Traditionen kreiert worden sein (vgl. Onori 2002:14), wurde dann aber auch ganz reell im Kampf gegen die Sklaverei angewandt. Sie gilt daher als eine afro-brasilianische Kampfkunst.
Der religiöse Bezug findet sich noch in der bis heute bevorzugten weißen Bekleidung wieder, da in der Vergangenheit immer freitags die große Roda stattfand. Dieser Tag ist dem Urvater Oxalá sowie gleichzeitig all den Gottheiten, die ihm unterstehen, gewidmet und wird u. a. von dieser Farbe repräsentiert.
Der Eingangsruf „Iê“ am Anfang der Roda scheint sich hingegen vom Kriegsgott Ogum herleiten zu lassen (vgl. Santos Barbosa 1988:83).
Die Bezüge zu Gottheiten, aber auch zum geführten Befreiungskampf sind bis heute als Themen in den Liedern der Capoeira präsent. In dieser Hinsicht stellt das musikalische Repertoire ebenfalls eine Form der mündlichen Überlieferung dar.
Die heutige Kenntnis über die Geschichte und Entstehung der Capoeira vor dem 20. Jahrhundert ist in Bezug auf schriftliche Quellen eher schwierig. Nach der endgültigen Abschaffung der Sklaverei in Brasilien im Jahre 1888 wurden viele Zeitdokumente vernichtet. Es bleiben einige Bild-dokumente, Reisebeschreibungen oder Tagebucheintragungen, die jedoch nur von schriftkundigen Weißen erstellt wurden und daher nur Andeutungen enthalten.
Es bleibt ebenfalls unklar, inwieweit es in Angola bereits eine Form der Capoeira gab. Zumindest lässt sich dort ein Musikbogen – dem Berimbau in Brasilien vergleichbar – bis in die Gegenwart hinein nachweisen.
Die Rassel (caxixi) in der Hand des heutigen Berimbau-Spielers scheint hingegen nachträglich in Brasilien eingeführt worden zu sein (vgl. Kubik 1979:33ff).
Nicht genügend geklärt ist jedoch, wann das Berimbau in die Capoeira aufgenommen wurde. Die Auswertung einiger historischer Abbildungen lässt den Schluss zu, dass es möglicherweise erst später hinzukam (vgl. Oliveira Pinto 1991:45).
Eine besondere Rolle in der Capoeira-Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen Mestre Pastinha und Mestre Bimba, da sie als zentrale Figuren für zwei Stilarten der Capoeira gelten.
Mestre Pastinha (1889-1981) steht für die langsamere und bodennahe Capoeira de Angola.
Mestre Bimba (1900-1974) begründete die Capoeira Regional, die sich durch die Schnelligkeit der Bewegungen auszeichnet und mehr Anleihen von einigen asiatischen Kampfkunst-bewegungen genommen hat. Hierzu gehören auch akrobatische Showeinlagen (floré).
Beide Stile können ebenfalls musikalisch differenziert werden, wie z. B. durch das Repertoire der Lieder, die Besetzung der Bateria oder anhand einiger Rhythmen (toques) auf dem Berimbau.
Möglicherweise gab es schon im 19. Jahrhundert diese zwei Formen der Capoeira, in denen entweder das verspielte oder eher das kämpferische Element mehr hervortraten (vgl. Oliveira Pinto 1991:48f). Die Quellenlage zur Rekonstruktion einer Geschichte der Capoeira ist jedoch sehr unzureichend.
Hinsichtlich der Geschichte der Capoeira soll hier abschließend noch auf zwei aktuelle Entwicklungen hingewiesen werden, die sich besonders seit dem Ende des 20. Jahrhunderts bemerkbar machen:
Zum einen betrifft dies die Aufnahme der Frauen in die Praxis der Capoeira. Heute gibt es daher bereits einige wenige Mestras in der Capoeira.
Zum anderen hat die zunehmende brasilianische Auswanderung seit den 1980er Jahren dazu geführt, dass auch diese Kampfkunst in viele Teile der westlichen Welt getragen wurde (z. B. in die USA, Kanada, Japan, in Länder Europas wie Frankreich, Portugal, Spanien, Deutschland, Polen etc.).
Für das 21. Jahrhundert ist zu erwarten, dass diese beiden Entwicklungen die Geschichte der Capoeira weiterhin entscheidend beeinflussen werden.
Die Herkunft der Bezeichnung "Capoeira" ist ebenso wie die Geschichte dieser Kampfkunst nur ungenügend geklärt. Es gibt hier verschiedene Vermutungen, die Piero Onori für die deutschsprachigen Leser zusammengefasst hat:
"In der Sprache der Tupi-Indianer, der eigentlichen Ureinwohner Brasiliens, bezeichnet das Wort 'Capoeira' einerseits eine 'gerodete Urwaldlichtung', andererseits aber auch eine weit verbreitete, in den Wäldern lebende Vogelart, bei der das eifersüchtige Männchen mit den Rivalen oft erbitterte Kämpfe führt.
Im Portugiesischen lässt sich das Wort von Masthahn, Kapaun (capão) ableiten. Capoeira könnte dann 'Art des Hahns' bedeuten und auf den Hahnenkampf hinweisen." (Onori 2002:15)
Im europäischen Portugiesisch bedeutet "capoeira" übrigens bis heute "Hühnerstall".
Auf eine mögliche afrikanische Verbindung des Wortes verweist der Afrika-Experte Gerhard Kubik (vgl. Kubik 1979:29). Demnach könnte ein entsprechendes Verb, stammend aus einer Sprache von den Bantu-Regionen Angolas, 'Händeklatschen' bedeuten.
Weitere Nachforschungen, die auf eine mögliche Kampfkunst in Angola verweisen, hat Guilherme Santos Barbosa unternommen und seien in dieser etymologischen Spurensuche als vorerst letzte Möglichkeit angegeben:
"[…] capueira [sic] may originate from a Bantu term from Angola which is transliterated kapwera. When used as an adjective, the term kapwera means ‘vibrating’ or ‘unexpected’. In Angola, kapwera as an event was a gregarious folk festivity used to welcome war heroes and athletes back to the city. On these occasions, the warriors and athletes performed improvised body movements (gingas) which demonstrated agility." (Santos Barbosa 1988:73)
Schließlich ist - um die Capoeira tatsächlich begreifen zu können - die praktische Ausübung unter der Anleitung eines erfahrenen Lehrers notwendig sowie die Geduld mit sich selbst. Ähnlich dem Erlernen einer neuen Sprache erfordert das Kampfspiel in der Roda Zeit und Übung.
Es ergibt sich eine neue Form der Kommunikation, die nicht vordergründig auf sprachlich-rhetorische Mittel zurückgreift und daher andere Fähigkeiten des einzelnen zum Vorschein bringen wird.